Grade und Stilrichtungen im Überblick
Weisser Gürtel, schwarzer Gürtel, Hakama: Die äusseren Zeichen des Fortschritts sind im Aikido zurückhaltend. Dahinter steht ein System, das je nach Stilrichtung etwas anders aussieht.
Kyu und Dan
Wie viele japanische Kampfkünste kennt Aikido zwei Arten von Graden:
- Kyu-Grade (Schülergrade)
- Sie werden rückwärts gezählt. Man beginnt ohne Grad und arbeitet sich über mehrere Stufen bis zum 1. Kyu vor. Wie viele Kyu-Stufen es gibt, hängt vom Verband ab; verbreitet sind fünf oder sechs.
- Dan-Grade (Meistergrade)
- Sie werden vorwärts gezählt, beginnend mit dem 1. Dan, auf Japanisch Shodan. Der 1. Dan gilt nicht als Abschluss, sondern eher als Zeichen dafür, dass man die Grundlagen beherrscht und das eigentliche Lernen beginnen kann.
Die höchsten Dan-Grade werden in vielen Verbänden nicht mehr durch eine Prüfung, sondern auf Empfehlung und für langjährigen Einsatz verliehen.
Gürtel und Hakama
Im Vergleich zu anderen Kampfkünsten sind die Gürtel im Aikido oft schlicht. In vielen Dojos tragen alle Kyu-Grade einen weissen Gürtel, ab dem 1. Dan einen schwarzen. Andere Verbände und viele Kindertrainings verwenden farbige Gürtel, um Fortschritte sichtbar zu machen.
Der Hakama, der weite, gefaltete Hosenrock, ist das auffälligste Kleidungsstück im Aikido. Wann er getragen wird, ist sehr unterschiedlich geregelt:
- In manchen Dojos ab dem 1. Dan
- In anderen ab einem bestimmten Kyu-Grad, etwa ab dem 3. oder 2. Kyu
- In einigen Dojos von Anfang an oder nach einer bestimmten Trainingsdauer
Fragen Sie am besten im eigenen Dojo nach, und warten Sie mit dem Kauf, bis Ihnen die Lehrperson das Tragen nahelegt.
Wie Prüfungen ablaufen
Bei einer Prüfung zeigen Sie vor einer Lehrperson oder einer Prüfungskommission eine Reihe vorgegebener Techniken, meist zusammen mit einer Partnerin oder einem Partner als Uke. Für jede Stufe gibt es ein Programm, das festlegt, welche Angriffe und Techniken verlangt werden. Bei den höheren Graden kommen oft freie Abwehr gegen mehrere Angreifende, Waffentechniken oder Abwehr gegen Waffen hinzu.
Typische Voraussetzungen für eine Prüfung sind:
- eine Mindestzahl an Trainingsstunden oder eine Mindestwartezeit seit dem letzten Grad
- in manchen Verbänden ein Mindestalter für die Dan-Grade
- die Zustimmung der eigenen Lehrperson
Bewertet wird nicht nur, ob eine Technik «funktioniert», sondern auch Haltung, Gleichgewicht, Ruhe und der Umgang mit dem Gegenüber. Die meisten Lehrpersonen betonen, dass Grade eine Orientierung sind und nicht das Ziel des Trainings.
Die grossen Stilrichtungen
Nach dem Tod von Morihei Ueshiba im Jahr 1969, teilweise auch schon zuvor, entwickelten einige seiner Schüler eigene Schwerpunkte. Daraus entstanden verschiedene Stilrichtungen. Die Techniken sind sich im Kern ähnlich; Unterschiede zeigen sich in der Ausführung, in der Gewichtung von Waffen und Atemübungen und in der Frage, ob es Wettkämpfe gibt.
| Stilrichtung | Gegründet oder geprägt von | Schwerpunkte |
|---|---|---|
| Aikikai | Ueshiba-Familie, Zentrale ist das Hombu Dojo in Tokio | weltweit grösste Organisation; fliessende, runde Bewegungen; grosse Vielfalt innerhalb des Stils |
| Iwama-Stil (Iwama-ryū) | Morihiro Saitō | enge Verbindung von waffenlosen Techniken und Waffenarbeit mit Bokken und Jō; klare, statische Grundformen |
| Yoshinkan | Gōzō Shioda | strukturierter, präziser Aufbau; viele Grundübungen; bekannt aus der Ausbildung von Polizeikräften in Japan |
| Ki-Aikido (Shin Shin Tōitsu Aikidō) | Kōichi Tōhei | Betonung von Ki-Übungen, Entspannung und Koordination von Körper und Geist |
| Shodokan (Tomiki-Aikido) | Kenji Tomiki | systematische Lehrmethode und Wettkampfformen; Einflüsse aus dem Judo |
Daneben gibt es zahlreiche weitere Verbände und unabhängige Dojos, die eigene Traditionen pflegen oder Elemente verschiedener Stilrichtungen verbinden.
Welche Stilrichtung passt?
Für den Einstieg ist die Stilrichtung meist weniger wichtig, als man denkt. Entscheidender sind die Lehrperson, die Atmosphäre im Dojo und ob die Trainingszeiten in Ihren Alltag passen. Wenn Sie die Wahl zwischen mehreren Dojos haben, besuchen Sie verschiedene Probetrainings und achten Sie darauf, wo Sie sich gut aufgehoben fühlen.
Ein paar Hinweise können trotzdem helfen:
- Wer gern mit klaren Formen und vielen Wiederholungen lernt, fühlt sich in strukturierten Stilrichtungen oft wohl.
- Wer sich besonders für die Arbeit mit Bokken und Jō interessiert, sollte fragen, wie viel Waffentraining es gibt.
- Wer sich mit anderen messen möchte, findet Wettkampfformen nur in wenigen Stilrichtungen.
- Wer Aikido vor allem als Bewegungs- und Achtsamkeitspraxis sucht, kann nach der Rolle von Atem- und Ki-Übungen fragen.
Verbände in der Schweiz
In der Schweiz sind Dojos verschiedener Stilrichtungen in mehreren Verbänden organisiert, oft mit einer Anbindung an eine der internationalen Organisationen. Diese Verbände regeln unter anderem Prüfungen und Grade, organisieren Lehrgänge mit Gastlehrerinnen und -lehrern und vernetzen die Dojos untereinander. Ob ein Dojo einem Verband angehört, erfahren Sie direkt bei der Dojo-Leitung oder auf seiner Website.
Lehrgänge, oft «Seminare» oder «Stages» genannt, sind eine gute Gelegenheit, über das eigene Dojo hinauszuschauen. Viele stehen auch Anfängerinnen und Anfängern offen; fragen Sie Ihre Lehrperson, ob ein Lehrgang für Sie passt.