Was ist Aikido?
Eine Kampfkunst, die den Angriff nicht bricht, sondern umlenkt. Was das in der Praxis heisst, zeigt sich weniger in Worten als in der Art, wie trainiert wird.
Aikido ist eine japanische Kampfkunst, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Morihei Ueshiba entwickelt wurde. Ueshiba hatte zuvor verschiedene ältere Kampfkünste studiert, insbesondere das Daitō-ryū Aiki-Jūjutsu, und verband deren Techniken mit eigenen Vorstellungen über Harmonie und den Umgang mit Konflikten. In vielen Dojos wird er bis heute respektvoll O-Sensei genannt, «grosser Lehrer».
Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird Aikido weltweit geübt, auch in der Schweiz. Man findet Dojos in grösseren Städten ebenso wie in kleineren Gemeinden, in allen Landesteilen.
Der Name
Das Wort Aikido setzt sich aus drei japanischen Schriftzeichen zusammen:
- Ai (合)
- zusammenkommen, sich verbinden, in Einklang bringen
- Ki (気)
- Lebenskraft, Energie, Geist; ein Begriff mit vielen Bedeutungsebenen
- Dō (道)
- der Weg, im Sinne einer Übung, die man ein Leben lang verfolgt
Eine verbreitete Übersetzung lautet deshalb «Weg der Harmonie der Kräfte» oder «Weg der Einheit mit der Lebensenergie». Keine Übersetzung trifft es ganz, und viele Lehrerinnen und Lehrer ermuntern dazu, die Bedeutung eher im Training zu suchen als im Wörterbuch.
Der Grundgedanke
Im Aikido geht es nicht darum, einem Angriff mit grösserer Kraft entgegenzutreten. Stattdessen lernt man, aus der Linie des Angriffs herauszutreten, die Bewegung des Gegenübers aufzunehmen und sie so weiterzuführen, dass dieses das Gleichgewicht verliert. Daraus entsteht ein Wurf oder eine Haltetechnik, mit der die Situation kontrolliert wird.
Damit verbunden ist eine ethische Idee: Der Angreifer soll möglichst nicht verletzt werden. Ob und wie weit das in einer echten Notsituation gelingt, ist eine Frage, über die in der Aikido-Welt selbst offen diskutiert wird. Für das Training bedeutet es vor allem eines: Man übt miteinander, nicht gegeneinander.
Kein Wettkampf
In den meisten Aikido-Stilrichtungen gibt es keine Wettkämpfe, keine Punkte und keine Siegerinnen oder Sieger. Fortschritt zeigt sich in Prüfungen und in der Qualität der Bewegung, nicht in Ranglisten. Eine Ausnahme bilden Stilrichtungen, die Wettkampfformen eingeführt haben; mehr dazu im Artikel über Grade und Stilrichtungen.
Für viele Menschen ist gerade das ein Grund, Aikido zu wählen. Man kann sich voll auf das Lernen konzentrieren, ohne sich mit anderen messen zu müssen.
Wie trainiert wird
Ein typisches Training dauert je nach Dojo etwa eine bis zwei Stunden und folgt einem wiederkehrenden Ablauf:
- Begrüssung im Kniesitz, mit einer Verbeugung zur Stirnseite des Dojo und zur Lehrperson
- Aufwärmen mit Dehnungen, Gelenkübungen und oft auch Atemübungen
- Fallschule (Ukemi): Rollen vorwärts und rückwärts, kontrolliertes Fallen
- Techniken: Die Lehrperson zeigt eine Technik, danach üben alle paarweise
- Abschluss wieder im Kniesitz, mit einer Verbeugung
Tori und Uke
Geübt wird fast immer zu zweit, mit klar verteilten Rollen, die regelmässig wechseln:
- Tori (in manchen Stilrichtungen Nage oder Shite)
- führt die Technik aus
- Uke
- greift an und nimmt die Technik auf, indem er oder sie sicher fällt oder sich halten lässt
Die Rolle von Uke ist keineswegs passiv. Wer gut fällt, bleibt aufmerksam, schützt sich selbst und gibt Tori ein ehrliches Feedback darüber, ob die Technik funktioniert. Viele erfahrene Aikidoka sagen, dass man in der Rolle von Uke mindestens so viel lernt wie in der Rolle von Tori.
Würfe und Haltetechniken
Die Techniken lassen sich grob in zwei Gruppen teilen. Bei den Würfen (Nage-waza) wird Uke aus dem Gleichgewicht gebracht und fällt; bekannte Beispiele sind Irimi-nage und Shihō-nage. Bei den Haltetechniken (Katame-waza) wird Uke über Gelenkhebel kontrolliert und meist zu Boden geführt; dazu gehören die Grundformen Ikkyō, Nikyō und Sankyō.
Geübt wird aus verschiedenen Positionen: im Stehen, im Kniesitz (Suwari-waza) und in einer Mischform, bei der Tori kniet und Uke steht.
Waffen
In vielen Dojos gehören auch Übungen mit Holzwaffen zum Training: dem Holzschwert (Bokken), dem Stock (Jō) und dem Holzmesser (Tantō). Die Waffenarbeit hilft, Distanz, Timing und klare Linien zu verstehen, die auch in den waffenlosen Techniken wichtig sind. Wie viel Raum sie einnimmt, hängt stark von der Stilrichtung und vom Dojo ab.
Für wen eignet sich Aikido?
Aikido wird von Menschen sehr unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlicher Fitness geübt. Da es nicht auf Kraft ankommt und man sich das Tempo meist selbst wählen kann, finden auch Erwachsene, die spät mit einem Kampfsport beginnen, einen Zugang. Viele Dojos bieten zudem eigene Kindertrainings an.
Trotzdem ist Aikido Bewegung mit Körperkontakt, Fallen und Gelenkhebeln. Wer gesundheitliche Einschränkungen hat, etwa am Rücken, an den Knien oder an den Schultern, sollte vor dem Einstieg mit einer Ärztin oder einem Arzt sprechen und die Lehrperson vor dem ersten Training informieren.
Kleine Begriffsliste
Diese Wörter werden Sie in den ersten Wochen oft hören:
- Dōjō
- der Übungsraum, wörtlich «Ort des Weges»
- Tatami
- die Matten, auf denen trainiert wird
- Sensei
- die Lehrerin oder der Lehrer
- Keikogi
- der Trainingsanzug aus Jacke und Hose
- Seiza
- der Kniesitz, in dem man sich verbeugt und Erklärungen zuhört
- Ukemi
- die Kunst des sicheren Fallens
Wie Sie sich auf Ihr erstes Training vorbereiten, lesen Sie im Artikel Aikido anfangen.